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22. Januar 2012

„Alt Arm Arbeitslos“ am Bremer Theater

Die doppelte Frau von der Leyen und das Herausfallen älterer Arbeitsloser aus dem kapitalistischen Kreislauf von Produktivität und Effektivität. (Foto: Theater Bremen)

Der Stuttgarter Regisseur Volker Lösch ist bundesweit dafür bekannt, dass er auf der Bühne Betroffene (Arbeitslose, Migranten, Häftlinge) zu Wort kommen lässt; Stücke mit ihnen inszeniert, anstatt lediglich über sie zu sprechen. In Bremen hat er sich der Problematik der Arbeitslosigkeit Älterer angenommen, die angeblich zu den Gewinnern des Arbeitsmarktes gehören, obwohl konkrete Zahlen eine andere Sprache sprechen. 18 Bremer Arbeitslose bringen in die Inszenierung ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle ein, unterstützt von Profilschauspielern, die aber ebenso von ihrer eigenen prekären Beschäftigung angesichts leerer Kulturkassen sprechen.

Das Stück orientiert sich an dem Märchen von den Bremer Stadtmusikanten als einer ´Selbsthilfegruppe´ ausgesteuerter alter Haustiere. Entsprechend tragen die Darsteller Tiermasken von Esel, Hund, Katze und Hahn. Obwohl viel Text (das Märchen, biografische Geschichten und vieles mehr) auf die Zuschauer wartet, ist das Stück lebendig und turbulent inszeniert.  Sprechchöre, Tanzszenen, Einzelauftritte lösen einander ab. Besonders einprägsam sind Szenen in denen zwei Schauspieler als verdoppelte Ursula von der Leyen die Arbeitslosen „arbeitsmarkt-fit“ machen, d. h. sie entmündigen, bedrohen oder aber sinnlos bespaßen ganz wie in den arbeitspolitischen Maßnahmen, in die Arbeitslose zwangsverpflichtet werden. Provokant auch, wenn der Chor der Jungen in den älteren Ausgegrenzten nur mehr unnütze Esser sieht. Immer wieder gehen kurze biografische Erzählungen unter die Haut.

Gibt es Lösungen? Ein vielstimmiger sich überlappender Chor aus Bruchstücken gesellschaftlicher Analyse verweist darauf, dass diese nicht einfach an einem Theaterabend „serviert“ werden können. Die Arbeitsplatzräuber lassen sich nicht so einfach vertreiben wie die Räuber im Grimmschen Märchen. Das Stück erzählt aber auch witzig - anrührend - provokant  von der Kreativität der arbeitslosen Laiendarsteller, die in der gemeinsamen Erarbeitung der Inszenierung sichtbar wurde. Gemeinsames Handeln als Gegengift gegen Vereinzelung und die üblichen Schuldzuweisungen an die angeblich unzulänglichen Individuen, das ist etwas, worauf wir auch außerhalb des Theaters aufbauen können.

Am Ende gab es viel verdienten Applaus für einen gelungenen Theaterabend.

Wilfried Schartenberg

Hinweis: Prekär Beschäftigte und Erwerbslose mit dem Kulturticket des Jobcenters können jeweils eine Halbe Stunde vor der Vorstellung Karten für 3€ bekommen. Ansonsten mit 50% Ermäßigung. Viele "Betroffene" wissen vielleicht nichts von dieser Möglichkeit.

Weitere Termine:

Di, 24.01.2012 / 19.30 Uhr
Do, 26.01.2012 / 19.30 Uhr
So, 05.02.2012 / 18.00 Uhr
Sa, 11.02.2012 / 19.30 Uhr
Sa, 18.02.2012 / 19.30 Uhr
Fr, 24.02.2012 / 19.30 Uhr
Fr, 02.03.2012 / 19.30 Uhr
Sa, 10.03.2012 / 19.30 Uhr
Do, 12.04.2012 / 19.30 Uhr
Fr, 04.05.2012 / 19.30 Uhr
Mi, 16.05.2012 / 19.30 Uhr


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